Bewusstseinskontrolle |
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Bewusstseinskontrolle bei den Zeugen Jehovas? Wie bringt man Mitglieder dazu, sich den Gruppeninteressen zu unterwerfen? Wie wird Schuld und Angst erzeugt? Was bedeutet Glück in der Gruppe? Grundlegend für das Verständnis von Bewusstseinskontrolle ist die Theorie von der Kognitiven Dissonanz. (L. Festinger, 1950). Nach Festinger versucht der menschliche Geist stets Verhalten, Gefühle und Verstand in Übereinstimmung miteinander zu bringen. So sucht man z.B. auch für falsche Handlungen eine Erklärung zu finden (Rationalisierung). Zu starke Diskrepanz zwischen Verhalten, Gefühlen und Verstand versucht der Mensch dadurch auszugleichen, dass er die Komponenten entsprechend (nach Möglichkeit) anpasst. Dass die Gedanken das Handeln beeinflussen, dürfte unmittelbar einleuchten; jedoch begründet diese Theorie auch den umgekehrten Vorgang. Wenn man das Verhalten eines Menschen verändert, so ändern sich auch seine Gedanken und seine Gefühle. Nach Festinger lassen sich die Komponenten Verhaltenskontrolle, Gefühlskontrolle und Gedankenkontrolle unterscheiden. Der Ausstiegsberater Steven Hassan, ehemals Mitglied der "Mun-Sekte", hat den Begriff "Bewusstseinskontrolle" (mind control) eingeführt, um die subtile Praxis der Einflussnahme durch totalitäre Gruppen zu kennzeichnen. Er versteht darunter "ein System von Einflüssen, mit dem die Identität des Individuums (seine Überzeugungen, sein Verhalten, Denken und Fühlen) zerbrochen und durch eine neue Identität ersetzt wird. Die Bewusstseinskontrolle wird oft indirekt, durch Gruppenzwang ausgeübt; oder durch ein System, das "falsches" und "richtiges" Verhalten bestraft bzw. belohnt. Viele "Sekten" - Mitglieder merken nicht, wie sie durch die Bewusstseinskontrolle manipuliert werden. Hassan meint dazu: "Verhaltenskontrolle, Gedankenkontrolle, Gefühlskontrolle und Informationskontrolle - schon jede Form der Kontrolle für sich hat einen starken Einfluss auf den menschlichen Geist. Zusammen bilden sie ein totalitäres Netz, das selbst die willensstärksten Menschen manipulieren kann. Tatsächlich sind es gerade solche Menschen, die die engagiertesten und enthusiastischsten Sektenmitglieder abgeben." Hassan: "Ausbruch aus dem Bann der Sekten") Die vier Komponenten: Verhaltenskontrolle Durch strenge Regelung der Lebensordnung eines Menschen (wie oder wo er lebt, arbeitet, isst, schläft, sich kleidet; Körperhaltungen, Rituale und Ausdrucksformen, ...) wird der individuelle Lebensraum immer enger. Lob, Tadel und Bestrafung tun das Ihre, um das verhaltensmäßige Einfügen in die Gruppe zu gewährleisten. Eine beträchtliche Menge an Zeit wird täglich den Sektenritualen und Indoktrinationsaktivitäten gewidmet. Die Mitglieder bekommen meist auch bestimmte Ziele und Aufgaben zugewiesen, um ihre Freizeit zu beschränken und ihr Verhalten zu kontrollieren. In einer Sekte gibt es immer etwas zu tun. Gedankenkontrolle Gedankenkontrolle beinhaltet eine so gründliche Indoktrination der Mitglieder, dass diese die Dogmatik der Gruppe verinnerlichen, ein neues Sprachsystem annehmen und Gedankenstopp-Techniken anwenden, um ihren Geist zentriert zu halten. Um ein gutes Mitglied zu sein, muss der Einzelne lernen, seine eigenen Gedankenprozesse zu manipulieren. In totalitären Sekten wird die Ideologie als "die Wahrheit", als das einzig gültige Abbild der Realität verinnerlicht. Die Doktrin dient nicht nur dazu, ankommende Informationen zu filtern, sondern auch zur Steuerung des Denkens über die Information. Gewöhnlich ist die Doktrin absolutistisch und trennt alles in 'Schwarz gegen Weiß', 'wir gegen sie'. Alles Gute ist im Sektenoberhaupt/in der Sektenführung und in der Gruppe verkörpert, alles Schlechte in der Außenwelt. Die Gruppe hat den Anspruch, alle Antworten auf alle Probleme und Situationen bereitzuhalten. Ein Anhänger braucht nicht selbst zu denken; die Doktrin übernimmt das Denken für ihn. Ein weiteres Schlüsselelement der Gedankenkontrolle besteht darin, die Anhänger darauf zu trainieren, jegliche kritische Information über die Gruppe abzublocken. Die Mitglieder werden darauf gedrillt, jede Kritik für unwahr zu halten. So werden kritische Worte zum Beispiel im Voraus entkräftet, als die 'Lügen über uns, die von Satan stammen'. Gefühlskontrolle Die Gefühlskontrolle zielt darauf ab, das Gefühlsspektrum einer Person zu manipulieren und einzuengen. Schuld und Angst sind essentielle Werkzeuge, um Menschen unter Kontrolle zu behalten. Schuld dürfte wohl das wichtigste emotionale Druckmittel sein, um Konformität und Gehorsam zu erzeugen. Gerade sensible, idealistische Menschen sind sehr empfänglich für Schuldgefühle. Auch Grund für Ängste ist immer vorhanden: Einmal sind es die äußeren Feinde, dann das drohende eigene Versagen vor den überdimensionalen Forderungen der Sekte. Mit diesem fortwährenden inneren Ungleichgewicht der Gefühle wird das Sektenmitglied auch gegen einen etwaigen Ausstieg konditioniert: Die Ängste verhindern wirkungsvoll eine Entscheidung für das Leben außerhalb der Gruppe. Erfüllung heißt jetzt, den Weisungen des Oberhauptes zu folgen, viele neue Mitglieder zu werben oder der Gruppe eine Menge Geld einzubringen. Glück wird definiert als das Gemeinschaftsgefühl, das die Sekte dem gibt, der einen guten Status genießt. Loyalität und Hingabe sind die am meisten geschätzten Gefühle. Die Mitglieder dürfen, außer gegenüber Außenstehenden, keine negativen Gefühle empfinden oder äußern. Sie dürfen niemals einen Führer kritisieren, immer nur sich selbst. Informationskontrolle Information ist der Treibstoff, den unser Geist braucht, um richtig zu funktionieren. Verweigert man jemandem die Information, die er benötigt, um sich ein Urteil über etwas zu bilden, so wird er dazu nicht in der Lage sein. Menschen in Sekten sitzen nicht nur deshalb fest, weil man ihnen den Zugang zu kritischen Informationen verweigert, sondern auch, weil ihnen die richtig funktionierenden inneren Mechanismen zu ihrer Verarbeitung fehlen. Insbesondere sollen die Mitglieder jeden Kontakt mit Ehemaligen oder Kritikern meiden. Diejenigen, die am meisten Informationen liefern könnten, gilt es besonders zu meiden. Durch die Kontrolle über alle Quellen der Information schränkt man die Möglichkeit, frei und eigenständig zu denken, drastisch ein. Wenn der Zugang zu unabhängiger Bildung und Literatur verstellt wird, ist das Mitglied der sekteninternen Ideologie und Propaganda hilflos ausgeliefert und unfähig zu jeder kritischen, selbständigen Reflexion über seinen Glauben und seine Lebensform. Es fehlen die funktionierenden inneren Mechanismen der geistigen Auseinandersetzung. Dazu kommt, dass die Sektenlehre nur ganz allmählich, in kleinen Schritten, enthüllt und vermittelt wird. Manche(r) würde von vornherein zurückschrecken, wenn ihr (ihm) die Sektendoktrin mit allen Konsequenzen in voller Klarheit von Anfang an zugänglich wäre. Je intensiver Sektenmitglieder kontrolliert werden, desto mehr wächst auch die Angst dieser Menschen. Ein Verlassen der Gruppe wird immer schwieriger. Zusammen bilden die Komponenten der Bewusstseinskontrolle in ihrer gegenseitigen Durchdringung und Anwendung ein so umfassendes Netz, dass selbst ein intelligenter, willensstarker und charakterfester Mensch dem manipulativen Sog kaum gewachsen ist - wie erst dann jemand, der in einer lebensgeschichtlichen Krise, einem schicksalhaften Ereignis, einer tief greifenden Frustration oder Depression gefangen ist! Die Kontrolle über den Geist Steven Hassan zeigt in seiner Arbeit, dass die genannten vier Möglichkeiten der Bewusstseinskontrolle in der Sektenpraxis in einem dreistufigen Prozess angewandt werden, um die Kontrolle über den Geist zu gewinnen: Aufbrechen Der geworbene Mensch soll destabilisiert werden. Sein bisheriges religiös/weltanschauliches Bezugssystem, seine gesellschaftliche und berufliche Orientierung soll erschüttert, in Frage gestellt und nach und nach zertrümmert werden. Verschiedene ausgeklügelte psychologische Methoden, u. a. hypnotische Prozesse, das Einreden von Krankheit und Unfähigkeit usw. dienen der Desorientierung. Verändern Das nun entstandene Vakuum in Geist und Herz wird durch neue Denk- und Verhaltensweisen, durch neue Emotionen gefüllt. Oft künstlich herbeigeführte "spirituelle Erlebnisse" und verblüffende "Erkenntnisse" helfen wirksam mit, eine neue Identität aufzubauen. Die Wirksamkeit einer massiven gruppenpsychologischen Beeinflussung wird dabei erschreckend sichtbar! Fixieren Die neue Identität muss so stabilisiert und gefestigt, die neuen Überzeugungen und Werte müssen so verinnerlicht werden, dass das Mitglied die Sekte auch "draußen" intensiv und unerschütterlich vertreten und verbreiten kann. Es ist erschütternd, wenn Verwandte und Freunde die Veränderung, ja Verwandlung eines Menschen zu einem "Fremden" registrieren müssen. " Wie ein anderer Mensch", "wie ein Roboter" wird dieser Eindruck dann artikuliert. Und doch muss man wissen, dass das "echte", ursprüngliche Ich weiterhin tief im Inneren vorhanden ist: mit Erinnerungen, Widersprüchen, Fragen, Enttäuschungen und Sehnsüchten. Diese "echte" Identität hat letztlich den Schlüssel zur Freiheit in Händen; wenn man sie erwecken und stärken könnte, wäre es möglich, die Ketten der Bewusstseinskontrolle zu zerreißen. Margaret Thaler Singer (ehemalige Professorin für klinische Psychologie in Berkeley, über 30 Jahre Forschungsarbeit zum Thema Sekten und Arbeit mit über 3000 aktiven und ehemaligen Mitgliedern verschiedenster Sekten) schreibt in ihrem Buch "Sekten": Es besteht die falsche Vorstellung, mentale Programmierung oder Gerhirnwäsche könne nur in geschlossenen Orten und unter der Androhung physischer Folter oder Tod durchgeführt werden. Wenn man andere wirklich umdrehen will, dann sind weiche Methoden billiger, weniger auffällig und hocheffektiv. Die alte Devise "Honig zieht mehr Fliegen an als Essig" gilt auch heute noch. Der Trick besteht darin, den Programmierungsprozess in einzelnen Schritten zu vollziehen, so dass die Person ihre eigene Veränderung nicht bemerkt. Die heutigen Programme sind darauf angelegt, das Selbstgefühl einer Person zu destabilisieren, indem Bewusstsein, Realitätswahrnehmung, Glaubenshaltungen und Weltanschauung, emotionale Kontrolle und Abwehrmechanismen unterminiert werden. Diese Attacke auf den innersten Kern der Person, auf das Selbstkonzept eines Menschen und auf seine Fähigkeit der Selbsteinschätzung ist der entscheidende Hebel, den die neueren Programme ansetzen. Die Zielperson wird mit einem ganzen Bündel von Maßnahmen überzogen, die allmählich oder auch schnell - je nach Situation und Person - zu tief greifenden Veränderungen in den Einstellungen und Verhaltensweisen führen. Durch die Manipulation psychologischer und sozialer Faktoren, können die Einstellungen von Menschen so sehr verändert werden, dass sich ihr Denken und Verhalten radikal wandelt. Die folgenden Bedingungen schaffen die Atmosphäre, die notwendig ist, damit Prozesse der mentalen Programmierung funktionieren. 1. Lass die Person in Unkenntnis darüber, dass das Ziel verfolgt wird, sie zu kontrollieren oder zu verändern. 2. Kontrolliere die Zeit und die Umwelt (Kontakte, Information). 3. Schaffe ein Gefühl der Ohnmacht, der Angst und der Abhängigkeit. 4. Unterdrücke das gewohnte Verhalten und gewohnte Einstellungen. 5. Initiiere neues Verhalten und neue Einstellungen. 6. Stelle ein in sich geschlossenes logisches System auf. Der Trick besteht darin, den Programmierungsprozess in einzelnen Schritten zu vollziehen, so dass die Person ihre eigene Veränderung nicht bemerkt. Die Taktik der mentalen Programmierung zielt darauf, - das Selbstgefühl einer Person zu destabilisieren, eine Person dazu zu bewegen, ihre Lebensgeschichte völlig neu zu interpretieren - ihre Weltsicht radikal zu verändern und eine neue Version der Wirklichkeit und der ursächlichen Zusammenhänge zu akzeptieren, - die Person von der Organisation abhängig zu machen und sie dadurch zu einem einsatzbereiten Werkzeug der Organisation zu machen. Die Sorgen, die ich mit anderen teile, sind folgende: Sekten schädigen zahllose Einzelpersonen und Familien in unserer Gesellschaft. Sekten benutzen raffinierte psychologische und soziale Beeinflussungsmethoden, um Mitglieder zu werben und an sich zu binden. Sekten benutzen ihr Vermögen, um jede Art von Kritik durch die Androhung juristischer Verfolgung und durch andere Einschüchterungsmaßnahmen zu unterdrücken. Mit den Sekten dringen - in unterschiedlichsten Verkleidungen - totalitäre Sozialstrukturen in unsere Gesellschaft vor. Dies sollte nicht nur für die Sozialwissenschaft von Interesse sein, sondern auch für ganz normale Bürger, denen ihre Freiheit am Herzen liegt. Sekten haben im Grunde nur zwei Zwecke: die Rekrutierung neuer Mitglieder und das Heranschaffen von Geld. Eine Sekte mag behaupten, dass sie sozial engagiert sei, aber in Wirklichkeit bleibt es bei Behauptungen und leeren Gesten. Letztlich dienen alle Arbeit und alles Vermögen, selbst symbolische Akte des Altruismus, einzig und allein der Sekte selbst. Sektenführer sagen ihren Anhängern: "Du hast dich dafür entschieden, hier zu sein. Niemand hat dich aufgefordert zu kommen. Niemand hat dich beeinflusst", während sich die Mitglieder in Wirklichkeit in einer Situation befinden, die sie aufgrund von Gruppendruck und eigener Angst nicht verlassen können. So glauben sie schließlich tatsächlich, dass sie dieses Leben selbst gewählt haben. Wenn Außenstehende die Vermutung äußern, die Anhänger seien einer Gehirnwäsche unterzogen und getäuscht worden, dann antworten sie: "Oh nein, wir sind freiwillig hier." Das totalitäre Milieu von Sekten stützt die Vorstellung, die Mitglieder seien Teil einer elitären Bewegung und die Auserwählten dieser Welt. Nichtmitglieder sind minderwertige Wesen niederen Ranges. Die meisten Sekten lehren: "Wir sind die Besten und Einzigen" und sagen auf die eine oder andere Weise: "Wir sind die Herren der Erleuchtung, und alle Außenstehenden sind minderwertig." Diese Art von Denken schafft die Voraussetzungen für die Einschläferung des Gewissens der Mitglieder und öffnet ihnen die Bahn, als Agenten einer überlegenen Gruppe Nichtmitglieder zum Nutzen der Gruppe zu manipulieren. |
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